Mallorca kann vieles sein: Badeinsel, Rückzugsort, Golferparadies. Doch im Westen der Insel, dort wo sich die legendären Straße zwischen Palma, Valldemossa und Deià in engen Bögen an den Berghang schmiegt, wird sie vor allem eines: Eine Bühne für Autos, die mehr können wollen als nur schnell und geradeaus fahren. Das Ferrari Amalfi Coupé passt genau in dieses Bild. Er zelebriert keinen lauten Auftritt um des Auftritts willen, sondern zeigt sich als Gran Turismo, der mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit Leistung, Eleganz und Alltagstauglichkeit zusammenführt.
Ein Fahrbericht von Wolfang Wieland
Schon auf den ersten Metern wird klar, dass Ferrari den Amalfi nicht als bloßes Schönwetter-Coupé verstanden wissen will. Das 2+2-Modell mit vorn-mittig platziertem V8-Biturbo-Motor soll die Idee des modernen Grand Tourers weiterentwickeln, und genau so fährt er sich auch. Souverän, konzentriert, mit jener Mischung aus Gelassenheit und Spannung, die nur wenige Sportwagen überzeugend beherrschen. Unter der langen, skulpturalen Motorhaube arbeitet ein 640 PS starker Turbo-V8, abgeleitet von der preisgekrönten F154-Familie. Er hängt spontan am Gas, das Turboloch ist kaum merklich, dreht mit Nachdruck hoch und liefert jenen unverwechselbaren Ferrari-Sound, der niemals künstlich wirkt, sondern immer eine gewisse mechanische Ehrlichkeit vermittelt.
Ferrari Amalfi Fotos







Ferrari Amalfi Test
Auf der Route durch das Tramuntana-Gebirge zeigt der Amalfi, unser Testwagen hat übrigens ein interessantes Weiß als Farbton, Bianco Artico genannt, schnell seine eigentliche Stärke: Er kann sich zusammennehmen, wenn die Straße es verlangt, und loslassen, wenn sie es erlaubt. Die Lenkung reagiert präzise und zugleich feinfühlig, das neu kalibrierte Ansprechverhalten wirkt sauber aufgebaut, nie nervös. Gerade auf den schmalen, teils unübersichtlichen Passagen oberhalb der Küste zahlt sich diese Ruhe aus. Der Fahrer sitzt tief, eingebunden, und hat das Gefühl, das Auto nicht zu kontrollieren, sondern mit ihm zu arbeiten. Das Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe wechselt die Gänge schnell und weich, ohne den Vortrieb zu unterbrechen, Trotzdem schalten Puristen direkt nach dem Start des Triebwerks lieber auf den manuellen Modus, geschaltet wird jetzt an den Paddeln hinterm Lenkrad. Dass Ferrari für den Sprint auf 100 km/h nur 3,3 Sekunden angibt, ist da fast schon eine nüchterne Randnotiz.
Ferrari Amalfi Preis
Besonders eindrucksvoll ist der gut ausgestattete, knapp 300.000 Euro teure Amalfi dort, wo die Straße enger wird und sich die Landschaft öffnet. Auf dem Weg zum Castell Son Claret in Es Capdella, dort wo Olivenhaine, Felsen und das tiefe Blau des Meeres in immer neuen Bildern vorbeiziehen, entfaltet der Ferrari jene seltene Art von Präsenz, die nicht aufdringlich ist und trotzdem jeden Blick auf sich zieht. Das Design folgt einem fließenden, minimalistischen Ansatz: Klare Flächen, skulpturale Volumen, eine Front mit großem Lufteinlass, dazu das starke Heck mit integriertem aktivem Spoiler. Alles wirkt harmonisch, aber nicht ganz sicher nicht brav.
Ferrari Amalfi Interieur
Auch im Innenraum setzt Ferrari auf eine deutliche, fast schon bewusst klassische Fahrerorientierung. Das Dual-Cockpit-Layout, das neue Lenkrad mit physischen Tasten und der zurückgekehrte Startknopf geben dem Amalfi eine wohltuende Direktheit. Gleichzeitig ist die technische Anmutung hochmodern: Drei Displays, ein zentrales 10,25-Zoll-Display, digitale Instrumente, vernetzte Infotainment-Funktionen, Apple CarPlay, Android Auto und kabelloses Laden. Es ist ein Cockpit, das Luxus nicht über Dekor definiert, sondern über Klarheit und Funktion.
Dass Ferrari den Roma-Nachfolger als zweisitziges Coupé mit zwei zusätzlichen Notsitzen auslegt, passt hervorragend zu seinem Charakter. Die Rücksitze sind kein bloßer Gag, sondern ein echter praktischer Mehrwert, sei es für Gepäck oder den Familienausflug mit Kindern. In einem Segment, in dem Sportlichkeit oft mit Kompromisslosigkeit verwechselt wird, setzt Ferrari auf einen anderen Gedanken: ein Auto zu bauen, das aufregend ist, ohne im Alltag unnahbar zu wirken.
Amalfi Fahrdynamik
Die Fahrdynamik wurde spürbar auf Breite getrimmt. Systeme wie Brake-by-Wire, ABS Evo und die aktive Aerodynamik mit beweglichem Heckflügel arbeiten unauffällig im Hintergrund und geben dem Fahrer das Gefühl, dass unter allen Bedingungen noch etwas Reserve vorhanden ist. Gerade auf Mallorca, wo Sonne, Asphaltwechsel und enge Radien schnell zwischen Genuss und Konzentration wechseln, kommt diese Abstimmung besonders zur Geltung. Der Amalfi bleibt stabil, berechenbar und zugleich lebendig.
Bemerkenswert ist, wie leicht sich die enorme Leistung anfühlt. Der Ferrari will nicht mit der Keule beeindrucken, sondern mit Präzision. Er beschleunigt mit Nachdruck, aber ohne Hektik. Er klingt emotional, aber nicht aufdringlich. Er wirkt exklusiv, aber nicht distanziert. Genau darin liegt seine Qualität: Der Amalfi übersetzt Ferrari-DNA in eine moderne Form von Reife. Er ist ein Sportwagen, der nicht nur den Moment sucht, sondern auch die Strecke dazwischen wertschätzt.
Ferrari Amalfi auf Mallorca
Und genau deshalb funktioniert er auf dieser Insel so gut. Mallorca im Westen, mit seinen Serpentinen, kleinen Orten und dem ständigen Wechsel aus Höhe, Licht und Meerblick, ist mehr als nur eine Kulisse. Es ist ein Prüfstein. Der Ferrari Amalfi besteht ihn mit jener seltenen Mischung aus Souveränität und Leidenschaft, die am Ende weit mehr Eindruck hinterlässt als bloße Beschleunigungswerte.
Fotos: © Keno Zache






