Leichter Schneefall um die null Grad, Salz auf der Straße und im Raum Bielefeld das übliche Verkehrschaos, sobald die erste Flocke den Asphalt berührt. Genau unter diesen Bedingungen musste der Togg T10X V2 Longrange zeigen, ob er mehr ist als nur ein spannendes Gesprächsthema am Schnelllader. Das erste türkische Elektro-SUV tritt in einem hart umkämpften Segment an und soll Familienauto, Langstreckenbegleiter und Technologieträger in einem sein.
Format, Platzangebot und Kofferraum
Mit 4,60 Metern Länge, 1,89 Metern Breite ohne Spiegel und 1,68 Metern Höhe sortiert sich der T10X ziemlich genau zwischen den klassischen Kompakt- und Mittelklasse-SUV ein. Der Radstand von 2,89 Metern sorgt dafür, dass die Räder weit in die Ecken rücken. Das macht sich im Innenraum bemerkbar, denn Bein- und Kniefreiheit fallen sowohl vorne als auch hinten großzügig aus.
Die Bodenfreiheit liegt unbeladen bei rund 19 Zentimetern, was im Alltag für steile Einfahrten, Schneematsch oder den gelegentlichen Schotterweg völlig ausreicht.
Je nach Ausstattung bringt der V2 Longrange zwischen 2.126 und 2.162 Kilogramm Leergewicht ohne Fahrer auf die Waage. Ein Leichtgewicht ist das Elektro-SUV also nicht, was sich später beim Verbrauch und in schnellen Kurven bemerkbar macht. Auf der Rückbank profitieren Passagiere davon, dass sich die Füße bequem unter den Vordersitz schieben lassen und die Bank ausreichend Auflage bietet. Dazu kommen eine ausklappbare Mittelarmlehne mit integrierten Getränkehaltern und eine Sitzheizung für beide äußeren Plätze. Lediglich um den einzelnen USB-C-Anschluss hinten müssen sich die Passagiere teilen.
Der Kofferraum fasst 441 Liter bei aufgestellter Lehne. Wird die Rücksitzbank im Verhältnis 60 zu 40 umgelegt, wächst das Volumen auf bis zu 1.515 Liter. Der Ladeboden ist doppelt ausgeführt, darunter lassen sich Ladekabel oder das Tirekit verstauen, ohne dass eine separate Kiste durch den Kofferraum fliegt. Eine kleine Alltagsschwäche fällt dennoch auf. Wer häufig an Verbandskasten oder Kabel möchte, räumt den Gepäckraum schnell halb leer, da der T10X keinen zusätzlichen Stauraum unter der vorderen Haube bietet. Ein Frunk hätte dem Konzept gutgetan.
Togg T10X V2 Test-Video:
Cockpit mit Display-Wand und Familienfokus
Im Innenraum setzt Togg auf einen sehr eigenständigen Auftritt. Besonders ins Auge sticht die Aufteilung des Armaturenträgers mit vier Displays nebeneinander. Die Anzeigen lassen sich in Teilen konfigurieren, Inhalte wie Medien oder Anzeigekacheln können verschoben werden. Das wirkt modern und gibt dem Cockpit eine technikaffine Note, wie man sie in dieser Ausprägung nur selten findet.
Positiv fällt auf, dass trotz der Display-Fläche nicht alles in Touch-Menüs verschwindet. Ein klassischer Lautstärkeregler für das Audiosystem ist gut erreichbar positioniert und ermöglicht eine schnelle Bedienung im Alltag. Über die Bedienleiste sind auch Klimafunktionen oder Telefon schnell anwählbar. Die Fahrstufen werden über einen kleinen Drehregler gewählt, was nach kurzer Eingewöhnung intuitiv funktioniert.
Materialseitig setzt der T10X auf eine Mischung aus Kunststoffen, die zwar nicht überall softtouch sind, im Testwagen aber sauber verarbeitet wirkten. Der Hersteller verzichtet bewusst auf großflächigen Klavierlack, was sich im Alltag beim Thema Fingerabdrücke und Kratzer positiv bemerkbar macht. Ablagen gibt es reichlich, darunter ein Fach für den Schlüssel, eine induktive Ladeschale für das Smartphone und ein großes Staufach in der Mittelkonsole mit zusätzlicher Ebene darunter.
Togg T10X V2 Longrange Fotos:
























Einen klaren Kritikpunkt gibt es beim Thema Smartphone-Integration. Apple CarPlay und Android Auto sind aktuell nicht verfügbar, weder kabelgebunden noch kabellos. Wer sich an nahtlose Einbindung von Apps und Navigationsdiensten gewöhnt hat, muss sich im T10X mit der herstellereigenen Softwarewelt anfreunden.
Dafür zeigt der Togg eine Funktion, die vor allem Familien gefallen dürfte. Über den sogenannten Kabinenmonitor lässt sich per Kamera der Blick nach hinten auf dem Display einblenden. So behalten Beifahrer oder Fahrer die Kinder im Fond im Auge und können mit ihnen kommunizieren, ohne sich umdrehen zu müssen. Neben der obligatorischen Fahrer-Überwachungskamera vorn kommt hier also eine zweite Kamera zum Einsatz, die den Innenraum nach hinten abdeckt.
Antrieb, Akku und Reichweite
Im Togg T10X V2 Longrange arbeitet an der Hinterachse ein permanent erregter Synchronmotor mit einer Spitzenleistung von 160 Kilowatt. Das entspricht 218 PS. Das maximale Drehmoment liegt bei 350 Newtonmetern. Laut Datenblatt sprintet der T10X damit in 7,8 Sekunden aus dem Stand auf 100 Kilometer pro Stunde. Bei 185 Stundenkilometern wird elektronisch abgeregelt.
Die Energie liefert eine Lithium-Ionen-Batterie mit 88,5 Kilowattstunden Bruttokapazität. Im WLTP-Zyklus stehen für die Heckantriebsversion bis zu 523 Kilometer auf dem Datenblatt. Im reinen Stadtzyklus werden sogar bis zu 748 Kilometer angegeben. Der kombinierte WLTP-Verbrauch liegt bei 19,1 Kilowattstunden pro 100 Kilometer, in der Stadt sind es rechnerisch 13,4 Kilowattstunden. Das sind Werte, die auf dem Papier ein effizientes Elektro-SUV versprechen, zumindest unter genormten Bedingungen und bei milden Temperaturen.
Auf der Straße: komfortabel, nicht sportlich
Im Fahrbetrieb zeigt der T10X V2 Longrange klar, in welche Richtung die Entwickler gezielt haben. Das Fahrwerk ist komfortorientiert abgestimmt. Schlechte Straßen, Frostaufbrüche und Querfugen werden sauber weggefiltert, harte Stöße dringen nur selten spürbar in den Innenraum durch. Gerade auf längeren Strecken sorgt das für entspannte Kilometer und einen guten Ersteindruck beim Thema Komfort.
Wer es in Kurven sportlicher angehen lässt, merkt jedoch schnell das Gewicht und die Ausrichtung des Setups. Der T10X neigt sich etwas stärker zur Seite und gibt früh zu verstehen, dass hier eher Reise- als Rennfahrer unterwegs sein sollen. Die Lenkung arbeitet ausreichend direkt für den Alltag, ohne besonders betont dynamisch zu sein.
Deutlich auffallen kann im Stadtverkehr der Wendekreis. Mit rund zwölf Metern muss man bei engen Parkhaus-Rampen oder Wendemanövern auf schmalen Straßen etwas mehr rangieren als bei manchen Wettbewerbern. Das ist kein K.o.-Kriterium, fällt im Alltag aber durchaus auf.
Die Bremsanlage hinterlässt im Test einen guten Eindruck. Der Übergang zwischen Rekuperation und mechanischer Verzögerung gelingt stimmig, die Scheibenbremsen an allen vier Rädern packen standfest zu. Die Rekuperationsleistung lässt sich bequem über Tasten in der Nähe der Armauflage variieren. Über eine Taste wird die Rekuperation verstärkt, über die andere wieder zurückgenommen. Das erlaubt es, das Verzögerungsverhalten an Strecke und persönlichen Geschmack anzupassen.
Verbrauch im Wintertest
Spannend wird es beim Blick auf den realen Energiebedarf. Gefahren wurde überwiegend auf der Autobahn mit Reisegeschwindigkeiten um 120 bis 130 Kilometer pro Stunde, dazu winterliche Bedingungen mit Temperaturen um den Gefrierpunkt, eingeschalteter Heizung und zeitweise Regen. In diesem Szenario lag der Testverbrauch bei 26,2 Kilowattstunden pro 100 Kilometer.
Als es noch kälter wurde und der T10X weiterhin mit 120 bis 130 Kilometer pro Stunde über die Autobahn bewegt wurde, kletterte der Durchschnitt im Test sogar auf 33,4 Kilowattstunden pro 100 Kilometer. Die Heizung lief, Scheibenwischer waren im Dauerbetrieb und die Bedingungen alles andere als ideal. Dennoch zeigt sich hier deutlich, dass der T10X bei winterlichen Langstrecken nicht zu den genügsamsten Vertretern seiner Klasse gehört.
Für ein Elektro-SUV dieser Größe wäre ein Verbrauch um die 22 Kilowattstunden pro 100 Kilometer auf der Autobahn ein attraktiver Zielwert. Im Test lag der T10X spürbar darüber. Auf der Landstraße sinkt der Energiebedarf zwar etwas, bleibt aber im Gesamteindruck eher im oberen Mittelfeld, wenn man die Akkugröße und das Segment berücksichtigt.
Assistenten, Warnungen und Sicherheit
Beim Thema Assistenzsysteme präsentiert sich der Togg T10X zweigeteilt. Auf der einen Seite funktionieren die Sicherheitsassistenten sehr zuverlässig. Abstandswarner melden sich frühzeitig und deutlich, wenn zu dicht aufgeschlossen wird. Auch beim Querverkehr aus Parklücken oder Einfahrten registriert das System andere Fahrzeuge oder Radfahrer und warnt akustisch und optisch. Das erhöht im Alltag die Sicherheit und passt zum Anspruch eines modernen Familien-SUV.
Auf der anderen Seite steht die Bedienlogik der Assistenten. Wer bestimmte Helfer wie den Spurhalteassistenten dauerhaft deaktivieren oder anpassen möchte, muss sich tief durch Menüs hangeln. Der Weg führt über eine Taste, dann über den Menüpunkt Fahren und weiter in die Unterpunkte der Assistenzsysteme. Das Abschalten einzelner Funktionen ist möglich, aber unnötig umständlich.
Zwar lassen sich über einen Hebel am Lenkrad piepsende Warnungen und Spurhalteassistent kurzfristig ausknipsen, etwa wenn die Signale im Moment stören. Nach einiger Zeit oder einem Neustart kehren die Voreinstellungen jedoch zurück, sodass der Weg ins Menü erneut nötig ist. Hier wäre eine einfachere, besser zugängliche Lösung wünschenswert.
Beim Thema passive Sicherheit kann der T10X punkten. Im Euro-NCAP-Crashtest erzielte das Modell die Bestwertung von fünf Sternen und reiht sich damit in die Riege der vollwertigen Familienfahrzeuge ein, die nicht nur modern wirken, sondern im Ernstfall auch schützen.
Laden mit 22 kW AC und bis zu 180 kW DC
Beim Laden zeigt sich der T10X V2 Longrange auf dem Papier zeitgemäß. Der Ladeanschluss sitzt vorne rechts auf der Beifahrerseite. Wechselstromseitig beherrscht das Fahrzeug serienmäßig dreiphasiges AC-Laden mit bis zu 22 Kilowatt. Für Nutzer mit entsprechend leistungsfähiger Wallbox oder Firmenanschluss ist das ein echter Vorteil im Alltag, weil der Akku über Nacht oder während längerer Standzeiten deutlich schneller gefüllt ist als mit den häufig anzutreffenden 11 Kilowatt.
Am DC-Schnelllader sind laut Hersteller bis zu 180 Kilowatt möglich. Der Ladevorgang von 20 auf 80 Prozent State of Charge wird mit 28 Minuten angegeben. Wie gut der T10X diese Werte in der Praxis trifft, wie stabil er die Ladeleistung hält und wie sich das Ganze bei verschiedenen Temperaturen verhält, werden weitere, dedizierte Ladetests auf einfachelektrisch.net zeigen. Das Konzept aus großem Akku und solider Ladeleistung passt jedoch grundsätzlich zum Anspruch eines reisetauglichen Elektro-SUV.
Viel Auto, starker Auftritt, Luft bei Effizienz und Software
Der Togg T10X V2 Longrange hinterlässt im Test einen erstaunlich reifen Eindruck. Platzangebot, Fahrkomfort, Assistenzumfang und Materialeindruck bewegen sich auf dem Niveau, das man von einem modernen Elektro-SUV im Umfeld der 50.000 Euro erwartet, wobei der T10X preislich darunter angesiedelt ist. Dazu kommt ein eigenständiges Design und ein Innenraum, der bewusst auf empfindlichen Klavierlack verzichtet und stattdessen mit Display-Breite und praktischen Details punktet.
Auf der anderen Seite stehen der spürbar erhöhte Verbrauch im winterlichen Langstreckenbetrieb, die fehlende Unterstützung für Apple CarPlay und Android Auto sowie die teils umständliche Bedienlogik bei den Assistenzsystemen. Wer bereit ist, sich auf die eigene Softwarewelt von Togg einzulassen, Freude an konfigurierbaren Displays hat und ein voll ausgestattetes Elektro-SUV mit klar erkennbarem Familienfokus sucht, bekommt mit dem T10X ein Paket, das sich im Wettbewerbsumfeld nicht verstecken muss.
Vielleicht ist genau das die spannendste Botschaft dieses Tests. Das erste türkische Elektro-SUV fügt sich im deutschen Straßenbild nicht nur ein, sondern erweitert ganz nebenbei die Auswahl und trägt dazu bei, dass der Wettbewerb im Segment der elektrischen Familien-SUV ein spürbares Stück lebendiger wird.





